Nutzung gemeinsamer Datenräume wie Catena-X bei EcoVity: Voraussetzung zur Umsetzung komplexer Wertschöpfungsketten und Erleichterung der Zusammenarbeit von KMUs

Sven Benz und Jakob Bönsch sind Experten auf dem Gebiet digitaler Ökosysteme. Sven war Teil des initialen Catena-X Forschungskonsortiums, Co-Lead des Catena-X Komitees für Internationalisierung und leitet aktuell ein Arbeitspaket in IntWertL. Jakob Bönsch hat IntWertL von Beginn an fachlich mitgestaltet und beschäftigt sich in seiner Dissertation mit dem Thema Engineering Digital Ecosystems. Für den EcoVity-Blog sprechen beide heute über die Einordnung von Catena-X in der Fahrzeugentwicklung und EcoVity.

EcoVity: Mission und gemeinsame Datenräume

Jakob: Hallo Sven, ich freue mich immer, wenn wir mal einen Schritt zurücktreten und statt der durchaus wichtigen Details einmal das große Ganze betrachten können.

Sven: Absolut. Solche Gelegenheiten sind wertvoll! Es hilft, die Details immer wieder auf die globale Perspektive zurückzuführen – nur so lassen sich die großen Fragen beantworten. Zum Beispiel: Was haben Catena-X in der Fahrzeugentwicklung und EcoVity miteinander zu tun – und was nicht? Aber bevor wir einsteigen: Möchtest du EcoVity kurz vorstellen?

Jakob: Gerne. Unsere Mission bei EcoVity ist es, mittelständische Unternehmen für die effiziente Zusammenarbeit in der Entwicklung und Produktion individueller Fahrzeuge zu befähigen. Dafür nutzt EcoVity Potenziale der digitalen Transformation. Im Zentrum steht dabei, dass souveräne Unternehmen über einen gemeinsamen Datenraum verbunden werden. In diesem Datenraum können wir dann technische Lösungen aus sechs Bereichen anbieten: Produktportfoliomanagement, Engineering und Manufacturing as a Service, modulare Entwicklung und Produktion sowie Homologation. Diese sechs Bereiche fassen wir oft als Individual Vehicle Development – kurz: „IVD“ – zusammen. Wie würdest du die Zielsetzung von Catena-X in der Fahrzeugentwicklung im Vergleich dazu abgrenzen?

Catena-X Fahrzeugentwicklung im Vergleich zu EcoVity

Sven: Nun ja, beide Initiativen haben erstmal eine ähnliche Ausgangslage: die Komplexität von Wertschöpfungsketten. Bei Catena-X Fahrzeugentwicklung geht es allerdings vor allem um die klassischen Wertschöpfungsketten der Automobilindustrie, die von den großen OEM ausgehen. Dann ist da noch der Lösungsansatz – der ebenfalls ähnlich ist: ein offener Datenraum für effiziente Zusammenarbeit. Catena-X bringt die gesamte Branche zusammen, um Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft voranzutreiben. Die Besonderheit ist, dass Catena-X auf den Prinzipien von Gaia-X und der IDSA aufbaut. Das heißt, sie setzen auf ein gemeinsames technologisches Rahmenwerk mit Fokus auf Datensouveränität und -sicherheit. Dazu kommen verbindliche Standards für Datenaustausch und Interoperabilität. Das ist ein enorm großer Schritt – und zwar direkt aufeinander zu.

Jakob: Du hast für mich einen Punkt angesprochen, der ein zentraler Unterschied zwischen beiden Initiativen ist. Allerdings keiner, der zu Reibungsverlusten führen muss – ganz im Gegenteil: Catena-X versteht sich als Ökosystem für die gesamte Automotive Value Chain. EcoVity hat dagegen einen engeren Zuschnitt auf die Entwicklung und Produktion individueller Mobilitätslösungen in kleinen Stückzahlen. Deshalb sagen wir auch ganz bewusst: Die Core Services von Catena-X Fahrzeugentwicklung nutzen wir gerne mit. Aber für KMU, die auf Individualität und Innovation setzen, braucht es zusätzliche Lösungen – und die entwickeln wir.

Sven: Richtig. EcoVity ist genau in diesem Spannungsfeld entstanden. Wir haben geprüft, wie weit sich Catena-X-Lösungen auf die Prozesse und Strukturen der Individualfahrzeugentwicklung anwenden lassen. Daraus ist heute eine gute Übersicht entstanden, die beide Initiativen gegenüberstellt.

Jakob: Und ich habe schon gesehen, dass Du diese Übersicht heute mitgebracht hast?

Sven: Aber selbstverständlich – und wir sehen auch direkt, wie die Übersicht funktioniert: Zeilenweise sind wichtige Aspekte für beide Initiativen dargestellt. Daneben dann die jeweilige Ausprägung für EcoVity und Catena-X.

Übersicht: Catena-X vs. EcoVity

Aspekt Catena-X EcoVity
Zielsetzung Offene Datenraum-Infrastruktur und zahlreiche Use Cases (Qualität, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Lieferkettenmanagement etc.) Kollaborative Entwicklung und Produktion in einem serviceorientierten Wertschöpfungsnetzwerk
Datenmodelle Standardisierte semantische Modelle / Asset-Beschreibungen für verschiedene Use Cases Übernahme von Catena-X-Datenmodellen (bspw. im Bereich Manufacturing & Produktion) und Entwicklung sowie perspektivische Integration zusätzlicher Datenmodelle im Bereich Engineering
Daten-Austausch Per EDC: HTTPS / REST insbesondere für Metadaten & Verträge; verschiedene Channel Extensions wie S3 File Transfer, perspektivisch MQTT/Kafka etc. Gleich wie bei Catena-X. Im Kontext von EcoVity-Web aber auch klassische HTTPS/REST Verknüpfungen
Compliance & Trust Gaia-X Trust Framework, Open Source Datenraumtechnologie und Datennutzungsverträge Registrierung und Integritätsprüfung, Datennutzungsverträge
Governance Föderierte Data Space Governance des Catena-X e.V. Plattform-Governance-Konzept des EcoVity e.V.
Ökosystem-Integration Internationales Service-Ökosystem für Beratungs- und Onboarding-Dienstleistungen. Open source Dokumentation von Best Practices Je nach Funktionsumfang/ Leistungspaket äußerst niederschwellig. Onboarding-Begleitung durch Plattformbetreiber

 

Synergien und Potenziale für KMU

Jakob: Sehr interessant! Über Zielsetzung und Datenraumintegration haben wir ja schon gesprochen. Die weiteren Aspekte sind ebenso spannend. Als Synergien stechen zwei Punkte besonders hervor: Überschneidungen in den Anwendungsfällen „Manufacturing as a Service“ und „Modular Production“. Catena-X stellt dafür Anwenderbibliotheken – sogenannte Tractus-X KITs bereit. Diese KITs enthalten u.a. Open-Source-Datenstandards und Referenzimplementierungen, die EcoVity nutzen kann. Umgekehrt profitiert Catena-X von unserer Vorarbeit zu „Engineering as a Service“ und „Modular Engineering“ aus dem IntWertL-Projekt.

Sven: Guter Punkt! Hier pflegen wir schon einen aktiven Austausch zwischen IntWertL und Catena-X in der Fahrzeugentwicklung. Welche weiteren Potenziale siehst du?

Jakob: Ein weiteres Potenzial ist die gemeinsame technologische Basis. Wir wollen die Vorarbeit von Catena-X, Gaia-X und der IDSA nutzen, um EcoVity zu gestalten. Konkret heißt das: Einsatz der Eclipse Data Space Components (EDC), vor allem des EDC-Konnektors. Im IntWertL-Konsortium haben wir früh entschieden, die EDC für Aufbau, Verhandlung und Durchführung des Datentransfers einzusetzen.

Das Potenzial liegt dabei nicht in der Software-Entwicklung. Nein, hier ist der EDC eher – sagen wir, herausfordernd. Vielmehr geht es aber um die Perspektive zukünftiger Plattformteilnehmer, die von der gemeinsamen technologischen Basis profitieren. Im Idealfall lassen sich beide Ökosysteme dadurch miteinander integrieren. In diesem Szenario geht EcoVity im Catena-X Marktplatz auf – oder besser: „in diesen über“ und kann von Anwendern sowohl als Catena-X Lösung, oder als unabhängige Plattformlösung genutzt werden. Die Letztere soll vor allem technologisch niederschwelliger sein, um den Implementierungsaufwand und die Kosten gering zu halten.  Ziel ist ein gemeinsamer Lösungsraum, nicht zwei isolierte Systeme.

Sven: Sehr vielversprechend! Einige Synergien liegen damit klar auf der Hand: vorhandene Bausteine nutzen und Lösungen interoperabel gestalten. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten: Die Entwicklung und der Aufbau eines Data Spaces verursachen Aufwand, der diesen Mehrwerten vorgehalten werden muss. Das Stichwort lautet dabei: Komplexität – und am Ende des Tages auch Zeit und Kosten. Unsere Erfahrungen im IntWertL-Konsortium zeigen, dass die Entwicklung einer mit Catena-X kompatiblen und technisch integrierbaren EcoVity-Plattform sehr intensiv ist, was diese Faktoren betrifft. Aus diesem Grund konnten wir diesen Schritt im Forschungsprojekt noch nicht vollständig leisten. Langfristig werden diese Aufwände aber sinken.
Jetzt aber zurück zur Perspektive der zukünftigen Anwender. Welche Herausforderungen siehst du, insbesondere für KMU?

Herausforderungen für KMU

Jakob: Für KMU ist die größte Herausforderung eindeutig das Onboarding – technisch wie organisatorisch. Technisch lassen sich drei Schritte unterscheiden: Erstens muss unternehmensintern Data Space Readiness geschaffen werden. Zweitens braucht es die EDC als Schlüssel zum Datenraum. Drittens müssen die ausgewählten Core Services implementiert werden.

Sven: Genau, und das erinnert mich auch daran, wie wichtig es in der Praxis ist, diese Schritte auf möglichst natürliche Weise in den Geschäfts- und Betriebsfluss einzupflegen. Ohne klare Datenstrategie, IT-Sicherheit und Verantwortlichkeiten im Unternehmen wird der Anschluss an einen Datenraum schnell zur Mammutaufgabe. Deswegen ist es wichtig, dass wir in EcoVity und Catena-X nicht nur auf die Technologie setzen, sondern auch Best Practices und Schulungen mitdenken. KMU brauchen nun mal den Einstieg über klare Leitfäden, kostengünstige Beratungs- und Technologiedienstleistungen und standardisierte Support-Strukturen für das Onboarding. Wir planen, diese über die EcoVity-Plattform – orchestriert vom Betreiber – für eben diese KMU anzubieten.

Jakob: Ein weiterer Punkt ist Vertrauen. Selbst wenn die Integration funktioniert, müssen Unternehmen überzeugt sein, dass sich der Einstieg lohnt. Catena-X hat da schon viel Arbeit geleistet. EcoVity überträgt diesen Spirit für individuelle Lösungen.

Ausblick: Interoperables Ökosystem

Sven: Und das bringt uns eigentlich schon zur Frage: Wie sieht die Zukunft aus? Wir stehen ja nicht nur vor der Aufgabe, heutige Probleme zu lösen, sondern auch, die beiden Welten so zu verzahnen, dass Innovationen möglich werden. Meine Vision ist, dass wir in wenigen Jahren eine Landschaft haben, in der Unternehmen frei wählen können: „Nutze ich EcoVity als Einstieg in den Datenraum, oder gehe ich direkt in Catena-X?“ – und beides führt zu einem interoperablen Ökosystem, das den Bedürfnissen und Interessen der verschiedensten Datenraumteilnehmer entspricht.

Jakob: Diese Vision teile ich! Und ehrlich gesagt glaube ich, dass die Zukunft nicht mehr in der Abgrenzung liegt, wie unsere Übersicht es vielleicht vermitteln mag, sondern in der Verzahnung. Wenn wir es schaffen, die Stärken von EcoVity – also Agilität, Fokus auf Individualmobilität und Mittelstand – mit der Reichweite und Standardisierungskraft von Catena-X zusammenzubringen, dann entsteht ein echter europäischer Leuchtturm.

Sven: Schönes Bild! Vielleicht können wir das als Schlussgedanken mitnehmen: Catena-X und EcoVity sind keine konkurrierenden Projekte, sondern zwei Bausteine, die gemeinsam die digitale Souveränität der Industrie stärken können.

Jakob: Genau so ist es. Und damit haben wir mal wieder gezeigt: Es lohnt sich, zwischendurch das große Ganze zu betrachten. Danke für das Gespräch!